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| Berliner Morgenpost Sonnabend, 27. Dezember 200 Deckname "Wolfstanz": Von Wieland Freund München dünnt schon aus, leuchtende Tankstellen häufen sich, und dann steht man vor einem dieser Rechtecke aus Beton, wie sie in Industriegebieten gern genommen werden. "Giesing Team Tonproduktionen GmbH - Alles wird gut", steht an der Front zur Straße. Drinnen ist alles Nineties Style, ein Hauch New Economy liegt in der Luft: Flachbildschirme, leuchtende Dioden, königsblaue Türen zwischen grauen Wänden und junge Männer in bunten Pullovern, die Sachen wie "extended" sagen. | |||
Studio B wird sogleich erschüttert von einer der berühmten stimmlichen Explosionen des Rufus Beck. Seit dem 9. Dezember nimmt er hier "Harry Potter und der Orden des Phönix" auf, und weil das nicht jeder wissen soll, hatte das Projekt bislang sogar einen Decknamen: "Wolfstanz", was, wie Panizza sagt, einfach gar nichts bedeutet. Am 10. Januar will man fertig sein mit der Produktion. Der Schuber mit 30 CDs soll am 19. Februar in den Buchhandlungen liegen. Kostenpunkt: 99,95 Euro. Die CDs gehen jetzt schon einmal Stück für Stück ins Presswerk. Vier sind bereits fertig, und Rufus Beck ist gestern bis auf Seite 702 vorgedrungen. Heute wird es so weitergehen: "Wetten, du bereust es jetzt, dass du das Wahrsagen aufgegeben hast, Hermine?" Derweil ist der Meister selbst aufgetaucht. Er trägt Jeans, Turnschuhe, einen Formel-1-Pullover und eine Tüte Weihnachtskrapfen. Ein paar seiner 46 Jahre sieht man ihm nicht an. Beck weiß, dass er Glück gehabt hat: Ein neues Medium, das Hörbuch, und die erfolgreichste Erzählung unserer Zeit mussten, im Verbund, einen Star aus ihm machen. Aber: "Wenn man frei vorm Tor steht, muss man die Nerven behalten, um den Ball ins Tor zu bringen", sagt Beck. Auch weil ihm das gelungen ist, war der fünfte Satz seiner Potter-Symphonie heiß umkämpft. Beck lese nicht, hieß es erst, Beck lese doch, hieß es dann. Sogar Anwaltspost wechselte zwischen dem produzierenden Hörverlag und seinem Star hin und her. Die offizielle Sprachregelung lautet jetzt: Es ging wenigstens nicht ums Geld. Schwamm drüber: Heute beginnen für Beck die letzten 319 Seiten. Noch drei harte Arbeitstage, heißt das. Oder nur drei eigentlich, denn Beck ist schneller als andere Vorleser. Er schafft - statt fünfzig oder sechzig - bis zu hundert Seiten am Tag. Zwanzig davon, wenn es gut läuft, in einer Stunde dreißig. In der kurzen Pause, die sich anschließt, muss Beck dann gelegentlich Gleichgewichtsstörungen bekämpfen. In seiner schlichten Sprecherkabine kann man sich zwar kaum umdrehen, aber wenn Beck Harry liest, ist das Sport. "Die Muskeln sind angespannt. Es gibt Figuren, in die man unglaublich reingeht. Das geht nur körperlich." Bislang vier Potter-Hörbücher beweisen Becks Körpereinsatz: Der Mann faucht, knödelt, säuselt, krächzt, brüllt, und er singt auch. Potter-Erfinderin Joanne K. Rowling hat ihm auch diesmal wieder Songs serviert, für die Beck Melodien komponiert hat. Und weil es diesmal um echte Stadiongesänge am Rande eines Quidditch-Spiels geht, hat Tonmeister "Panne" Panizza den Beck'schen Gesang mittels Tonspurentechnik verneunfacht. Das hat durchaus symbolischen Wert: Rufus Beck ist berühmt dafür, dass er jeder der vielen Rowling-Figuren eine eigene Stimme verleiht, Kunstsprachen erfindet, die er gern an Dialekte anlehnt, und überhaupt den Text als große Potter-Partitur begreift, die es zu interpretieren gilt. Gelegentlich sind da die Grenzen zum Hörspiel offen - in allen Rollen: Rufus Beck -, man tummelt sich aber allenfalls im Grenzgebiet. Potter V soll Hörbuch bleiben. Was nicht heißen soll, dass Beck sich zurücknähme. Stephen Frys schlichte, wenn auch nicht minder berühmte Lesung des englischen Original-Potters findet er "langweilig", und viel Spaß hatte er, als er mit Autorin Rowling auf Deutschlandtour war und sie sich gar nicht genug wundern konnte über das Beck'sche Feuerwerk und die begeisterte Reaktion des Publikums. In seiner Kabine arbeitet Beck nicht mit dem gebundenen Buch, sondern einem dicken Stapel Kopien, damit es nicht knistert. Die Kopien sind abgegriffen, ein bisschen verknickt und wild bemalt. Beck hat Geflüstertes unterstrichen oder Gebrülltes unterschlängelt und zu Textmarkern jeder im Schreibwarenhandel erhältlichen Farbe gegriffen, um diverse Figurenreden hervorzuheben. Auch ein paar neue Stimmen stehen in der bunten Partitur. Allen voran Dolores Jane Umbridge, Erste Untersekretärin des Zaubereiministers, oder, in Becks Worten, "der Goebbels von Cornelius Fudge". Einmal eingerufust, kommt sie aus Österreich, und verbreitet die schlimmsten Gemeinheiten mit formvollendeter, alpenländischer Höflichkeit. Und natürlich hat auch sie - wie alle Potter-Stimmen Becks - ein reales Vorbild, das man in Wien, sagt er, durchaus kenne. Man darf es in der dortigen Theaterlandschaft vermuten, aber Näheres gibt der erste Star des deutschen Hörbuchs nicht preis. Wer Hörbuch höre, sagt er, dürfe nie wissen, was als Nächstes kommt. "Wetten, du bereust es jetzt, dass du Wahrsagen aufgegeben hast, Hermine?" © Berliner Morgenpost 2004 | |||
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