
Zu seiner "Harry Potter"-Lesung am Berliner Ensemble trat Rufus Beck mit vier Bänden an. Wo der Schauspieler sonst nackt als "Tartuffe" über die Bühne flitzt, hielt er nun eine Märchenstunde ab.
Berlin - Joanne Rowlings Junge mit der Nickelbrille ist populär - so populär, dass selbst die Queen der Autorin im Februar eine Ehrenmedaille für ihre "Verdienste um die Kinderliteratur" verleihen will. Trotz Gameboy und Videospielen begeistern die "Harry Potter"-Romane der alleinerziehenden Mutter und Multimillionärin eine stetig wachsende, zumeist jugendliche Fangemeinde.
Das zeigte sich auch am Samstag, als sich zahlreiche Kinder mit Mami und Papi im Schlepptau zu einer Lesung im Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm einfanden. Rufus Beck las aus "Harry Potter" und brillierte als Märchenonkel auf der Bühne, wo er sonst hüllenlos als Molières "Tartuffe" über Tische und Bänke turnt. Der Schauspieler teilte die "Hogwarts"-Welt voller Hexen und Zauberer mit seinen klen Zuhörern, die den Vortrag mit lautem Szenenapplaus bedachten. Beck rief aus: "Könnt ihr noch? Ich lese Euch unter den Tisch!"
Harrys fieser Onkel Vernon Dursley knurrte, seine spießige Tante Petunia zeterte: Mit ausladenden Gesten, allerlei Dialekten und Stimmlagen erweckte Beck die Figuren der Erzählung "Der Stein der Weisen" zum Leben. Schallendes Gelächter erntete er für seine Darstellung der magischen Familie Weasley, die durch den Kamin der Dursleys gepurzelt kommt und dabei deren Wohnzimmer in Schutt und Asche legt. "So ein Quatsch", prustete Beck und bekam sich selbst vor Lachen nicht mehr ein.
Begeistert verfolgten die Fans, wie der Schauspieler das Fußballspiel der Zauberer, das "Quidditch" aus dem "Feuerkelch", in Szene setzte. Angespannt lauschten sie, wie die gegnerischen Mannschaften auf ihren fliegenden Besen gegeneinander antreten und um den goldenen "Schnatz" kämpfen. Wenn Beck dann eine Kunstpause machte, riefen sie begeistert ihr "Schnatz" in den Saal. "Es heißt des Schnatzes! Genitiv! Kommt das von der Rechtschreibreform?", schleuderte der Mime den Kindern entgegen.
Von der Verkaufstheke an die Börse
Die Bücher über Harry Potter sind eine Welt für sich. Sie sind Detektivgeschichte, Fantasy-Story und moderner Bildungsroman in einem - und ersetzten nun auch noch das Weihnachtsmärchen. Wen wundert es da, dass das "Time Magazine" den Kinderbuch-Helden in seiner jährlichen Liste der Auf- und Absteiger des Jahres als einen der "Menschen 2000" geehrt hat - neben prominenten Zeitgenossen wie Schauspieler Russell Crowe und Tennisspielerin Venus Williams.
Die weltweite "Pottermania" hat den Romanmagier längst seine Unschuld verlieren lassen. Nicht nur, dass er mittlerweile in jeder deutschen Buchhandlung auf der Verkaufstheke zu finden ist. Nein, der Zauberlehrling ist auch schon an der Börse - der Kieler Rechtevermarkter Achterbahn hat den bislang umfangreichsten Lizenzvertrag für Harry-Potter-Merchandising in Deutschland in der Tasche.
Inzwischen werden auch die Potter-Seiten im Internet von der Hollywood-Firma Warner Bros. regelmäßig weltweit überwacht, um illegale Online-Profiteure des anhaltenden Harry-Potter-Booms aufzuspüren. Und ein Ende des Kassenschlagers ist nicht so bald in Sicht: Die Serie ist auf sieben Bände angelegt, die Autorin kündigte aber bereits an, dass sie noch ein achtes Buch schreiben werde. Die Kinder warten jetzt schon ungeduldig auf den nächsten großen Schluck des Zaubertrunks aus dem Hause Rowling.
--------------------------------------------------------------------------------
© SPIEGEL ONLINE 2000
© SPIEGEL ONLINE / HARRIET DREIER
Alle Rechte vorbehalten
--------------------------------------------------------------------------------
Harry Potter als One-Man-Show:
Rufus Beck (be)zauberte im Schauspielhaus
Quidditch mitten auf der Kirchenallee
Und da flog er, der kle goldene...? " "SCHNATZ" brüllte es im ganzen Schauspielhaus. Laut ist es ja dort oft, aber so voll war es lange nicht mehr. "Harry Potter - Lesung mit Rufus Beck" hieß die Veranstaltung. Das ist eigentlich falsch, denn Rufus Beck liest nicht. Er schreit, flüstert, stottert und brummt, er gestikuliert wild und springt auf den klen Tisch, den Vorleser üblicherweise gestellt bekommen. Den Text kann Rufus Beck sowieso fast auswendig, wie viele im Publikum auch. Da können auch alle gleich mitmachen, wird er sich gedacht haben, denn mitgemurmelt wird ohnehin ungefragt.
Der Schauspieler Beck widerlegt das Bücherwurm-Vorurteil, ein Harry-Potter-Lese-Erlebnis sei nicht zu toppen. Das Buch in Gestalt von Beck auf der Bühne ist einfach besser. Nicht genug damit, dass er sich für jede in allen vier Potter-Bänden auftauchende Gestalt eine besondere Stimme mit zum Teil urkomischen Eigenheiten ausdenkt (bei vier Bänden mit je ca. 20 Figuren macht das inzwischen eine ganze CD als Stimm-Archiv!). Spricht Beck in Hagrids Bass, sieht man den dazu gehörigen Bart, und hört man Tante Petunias hoch gequetschte Stimme, kriegt Beck ein Pferdegebiss. Bei Onkel Vernons gepresstem Nuscheln wird er fett, mit Harrys Stimme sofort wieder dünn und bebrillt. Oder anders gesagt: Wenn Rufus Beck spricht, sieht man Besen fliegen und Drachen Feuer spucken.
Zweieinhalb Stunden hingen Kinder, Jugendliche und Erwachsene an seinen Lippen - lachten, klatschten und antworteten lauthals auf die geschickt eingesetzten Fragen: "Was braucht Harry für den Unterricht in Hogwarts?" Bei solch akustischen Leerzeichen konnte man schnell echte Kenner von Muggels unterscheiden. Für Potter-Fans im Anfangsstadium hatte der versierte Sprecher natürlich die jeweils passende Erklärung bereit: Muggels sind nicht-magische Menschen, Ignoranten halt, wie du und ich; Quidditch ist der beliebteste Sport der Zauberer und Hexen, also etwa wie Fußball bei uns, nur dreidimensional.
Als Beck den Auftrag bekam, die Bücher auf Kassette zu sprechen, kam von ihm der Vorschlag, dies wie ein Ein-Mann-Hörspiel mit verschiedenen Stimmen zu machen - nicht ahnend, dass es ein von der Autorin auf sieben Bücher angelegtes Projekt werden würde. Inzwischen haben die Hörbücher drei Preise eingeheimst, als "Hörbuch des Jahres 2000", vier "Goldene Schallplatten" und den "HörKules 2001", den in diesem Jahr erstmals ausgelobten Preis von Buchhandel und Leipziger Messe. "Ich habe die Bücher zuerst meinen Kindern vorgelesen. Wenn die dabei eingeschlafen sind, wusste ich, dass ich etwas ändern sollte", erzählt der in München lebende Schauspieler nach der Lesung. "Da ist Karl Valentin mein Vorbild, bei ihm war auch die Familie immer das erste Publikum." Verschwindet dabei der Schauspieler hinter dem Sprecher? "Das Lesen ist mein Spielbein, aber die Schauspielerei bleibt mein Standbein", sagt Rufus Beck.
Dagmar Fischer
Verführung mit einfachen Mitteln
Triumph des Hörbuchs: Rufus Beck über den Erfolg seiner Harry-Potter-Lesungen - Interview
DIE WELT:
Was war zuerst: Hörbuchboom oder Harry Potter?
Rufus Beck:
Natürlich gab es auch vor Harry Potter schon Audiobooks. Aber den wirklichen Boom haben erst die Potter-Bücher ausgelöst. Und das war eine Revolution von unten. Dieser Boom ging von den Kindern aus. Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen waren ja noch Kinderkassetten. Harry Potter aber veränderte alles.
DIE WELT:
Was tun eigentlich Sie? Schaden Sie dem Buch?
Beck:
Ich zeige, was man mit einem Text machen kann. Ich interpretiere den Text. Dem Buch schadet das nun wirklich nicht. Die Leute lesen es trotzdem. Es ist ja nicht so, dass jemand, der Hörbücher kauft, deswegen weniger liest. Im Gegenteil. Häufig genug sagen Leute, die sonst nie lesen und ein Hörbuch geschenkt bekommen, nach dem Hören: Jetzt will ich's aber auch selber lesen.
DIE WELT:
Bedeutet der Hörbuch-Boom schon die Renaissance des Zuhörens?
Beck:
Es scheint fast so. Zuhören ist viel schwieriger. Erzählen können ja viele. Aber das Andere aushalten, das ist, merkt man ja in den Talkshows und den Diskussionen, schwer. Um richtig zuzuhören, muss man aufmachen, muss etwas rein lassen in seinen Kopf. Es gibt eine schöne Zen-Geschichte. Ein Schüler besucht den Zenmeister. Der Meister fragt, ob der Schüler Tee möchte. Der Schüler bejaht. Der Meister gießt ihm Tee ein. Der Tee steigt bis zum Rand und läuft über und über und über. Und der Schüler schaut zu, entsetzt, und ruft: "Meister, was macht Ihr denn da?" Sagt er: "Ja, so ist das: Ich kann nichts Neues in die Tasse gießen, wenn ich die Tasse nicht auch leere. So ist es mit dem Geist. Wenn ich den Geist nicht leer machen kann, kann ich auch nichts neues aufnehmen." Und so ist es mit dem Zuhören.
DIE WELT:
Im November startet der Film des ersten Potter-Bandes. Was bedeutet das für Sie?
Beck:
Der Film wird die Vorstellung der Kinder ganz sicher bestimmen. Aber es ist eine Vorstellung, die sie schon haben. Sie haben das Buch gelesen, das Hörbuch gehört. Was im November gezeigt wird, ist der Film zum ersten Band. Und im nächsten Jahr kommt der fünfte als Buch. Die Kinder sind Hollywood also immer weit voraus. Dass die Figuren anders sprechen, wird gerade bei extremen Figuren wie Hagrid und Dobby schwierig sein für die Kinder. Nicht bei Harry. Harry ist ein Kind, den interpretier' ich nicht. Das ist wie auf dem Theater: Der König spielt nicht, er wird von den anderen gespielt. Der muss keine besondere Stimme haben, er ist ja schon was besonderes.
DIE WELT:
Hagrid röhrt wie der Vorsitzende des Hamburger Harley-Clubs, Dobby jault zum Stein-der-Weisen-Erweichen. Wie wurden denn diese Figuren geboren?
Beck:
Ich hab gar nicht viel experimentiert. Das mach ich nie. Ich hatte eine Vorstellung, ein Bild, einen Klang im Kopf. Und damit bin ich ins Studio. Wie es genau werden würde, wusste ich nicht. Und am Ende haben wir nur ganz selten etwas geändert. Da entwickelt sich vieles aus dem Bauch heraus. Und das will ich auch, dass das Buch in dem Moment entsteht, in dem man es hört.
DIE WELT:
Das klingt ja, als würden Sie vom Blatt lesen. Glaube ich aber nicht.
Beck:
Naja, ich konnte nie so gut vom Blatt spielen früher. Deswegen hab ich immer so getan, als würde ich vom Blatt spielen. Richtig vom Blatt spielen, ist auch nicht gut. Denn in dem Moment, in dem man das tut, bleibt nicht viel Freiraum, das Buch wirklich zu leben. Einen Teil der Energie muss man dann immer investieren, es bloß abzulesen. Der Text ist aber mehr. Er ist eine Partitur wie eine Bachsche Fuge, da gibt es Hauptstimmen und Nebenstimmen. Und die verändern sich. Da sind die Instrumente die Figuren. da krächzt was, da klingt was wie ein Kontrabass, wie ein Fagott. Auch in der Dynamik und in der Metrik ist das Lesen etwas sehr musikalisches. Und damit etwas irrationales.
DIE WELT:
Wer liest das englische Hörbuch der Potter-Saga?
Beck:
Stephen Fry. Er liest die Geschichte ganz vorsichtig, hat nicht den Anspruch, sie zu spielen. Er spricht die Figuren wie in Anführungsstrichen. Bei ihm ist es Pastell, bei mir Ölfarbe, dick aufgetragen.
DIE WELT:
Diese Ölfarbe war früher ziemlich verpönt. Die klassische Gert-Westphal-Fontane-Lesung hatte eher was Pastellig-Museales.
Beck:
Stimmt nicht. Westphal hat sich manchmal auch viele Freiheiten genommen. Der hat mit dem Attila Zoller Quartett eine Heine-Platte mit Cool-Jazz gemacht. Und da hat er richtig Theater gemacht. Das hat mich als 16-Jährigen total fasziniert. Das wird erst jetzt wirksam, weil ich erst sehr spät angefangen habe, mich mit meiner Stimme zu beschäftigen. Ich habe ja keine Ausbildung, hab erst richtig sprechen gelernt im Rundfunkstudio. Und da mag ich Sprünge, radikale Sprünge, extreme Dinge nebeneinander zu stellen, das Unverhältnismäßige, dieses Reiben. Dann fühlte ich mich immer wohler, auch mit meiner Stimme.
DIE WELT:
: Das klingt ja als hätten Sie beim Hörbuch Ihre Stimme entdeckt?
Beck:
Das war auch so. Ich war nie der Schauspieler, der stark mit der Stimme gearbeitet hat. Im Theater war ich immer der mit extremem Körpereinsatz: Tanz, Stunts, Salto, expressionistisches Spiel. Durch die Entdeckung der Stimme wusste ich, dass ich auch entspannter sein, das Einfache suchen kann. Und das trifft sich merkwürdigerweise mit einer Sehnsucht des Publikums. Im Hamburger Schauspielhaus vor 1000 Leuten und mit nichts als meinem Stuhl und meinem Manuskript, das ist verrückt. Dass die sich eine Show angucken, in der es nicht Krachbummpängdolbysurroundundfeuer gibt und keine Leute, die über 75 Oktaven singen können. Sondern eigentlich nichts. Nur einen Abend voller Behauptung. Das Publikum lässt sich doch tatsächlich noch gerne verführen mit den alten, den einfachen Mitteln, dem einfachen armen Theater wie ich es bei. George Tabori gelernt habe.
Interview von Elmar Krekele / Die Welt Samstag, 05. Januar 2002